Kategorien
Allgemein News Quarantäne

Die Corona-Pandemie ist für viele keine Chance, Corona ist vor allem ein Problem.

Was bedeutet die aktuelle Pandemie für die Kulturbranche? Ein Kommentar von Rike.

Rike ist Veranstalterin, Social-Media-Managerin und Aktivistin. Sie produziert ab und an Medienbeiträge und studiert Kulturarbeit in Potsdam. Im folgenden Kommentar hat sie zusammengefasst, was die aktuelle Pandemie für sie als Kulturarbeiterin bedeutet.

Die Krise als Chance. Wie häufig habe ich das in den letzten Wochen schon gelesen? Während Andere zu scheinbar endloser Kreativität und Leistungsfähigkeit angeregt werden, kämpfe ich mit zunehmender Überforderung. Der direkte Vergleich auf Social Media und im Internet ist dabei nicht besonders hilfreich und setzt mich immer mehr unter Druck. Wer wie ich noch keine neuen Skills erlernt, nicht durch Meditation tiefenentspannt ist oder kein neues Format produziert hat, steht vergleichsweise abgehängt da. 

Aktuell fühlt es sich so an als sei ich primär mit Überleben beschäftigt –  und nicht damit, die Kulturbranche zu revolutionieren.

Wenn dann Ideen kommen scheitern diese bisher an bürokratischen sowie finanziellen Hürden. So erging es beispielsweise dem Festival, an dem mein Team und ich seit einem dreiviertel Jahr ehrenamtlich arbeiten. Im Zuge der Ausgangsbeschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen wird es nicht wie geplant stattfinden können. Schon Anfang März haben wir dies befürchtet und uns deshalb zusammengesetzt, um nach möglichen Alternativen zu suchen. Schlussendlich wollten wir das Festival digitalisieren und einen Teil des Programms durch Livestreams, Videos und ggf. Radiobeiträge zu unserem Publikum nach Hause bringen. Vor allem aber hatten wir die Hoffnung, Künstler*innen und Dienstleister*innen trotzdem aus den bereits zugesagten Mitteln bezahlen zu können. Bei ersatzloser Absage hatten wir Bedenken, ob wir überhaupt Fördermittel ausgeschüttet bekommen würden. Nach sechs Wochen Kampf kam jetzt die Absage durch Fördermittelgeber: Eine weitere Förderfähigkeit (durch bereits bewilligte Fördermittel) sei auf grund der Formatänderung nicht gegeben. Wir könnten ja einen neuen Förderantrag stellen. Das Projekt sollte Mitte Juli stattfinden. Jede*r der/die bereits einmal eine größere Veranstaltung organisiert hat, weiß, dass zwischen Antragstellung und Umsetzung in der Regel viele Monate vergehen. Eine Umplanung ohne feste Gelder und eine darauf folgende Umsetzung in einem so knappen Zeitraum ist nahezu nicht machbar – und außerdem unfair gegenüber den Beteiligten, die jetzt wiederum Wochen warten müssten bis sie Bescheid wissen. Dass das anfangs geplante Format, eine Live Großveranstaltung, aktuell nicht mehr durchführbar ist? Geschenkt. Dass besagtes Kulturangebot nun eventuell komplett wegfällt? Dass dadurch vermutlich Gagen und Gehälter nicht gezahlt werden können? Darauf wurde nicht weiter eingegangen. Das ist wahnsinnig frustrierend. Vor lauter Bürokratie scheint es nicht möglich zu sein, adäquat auf die aktuellen Herausforderungen zu reagieren. Das Ergebnis: Ein Anstecken an der allumfassenden Lethargie.

Dazu kommt, dass die Einschränkungen im alltäglichen Leben nicht automatisch heißen, dass ich nichts zu tun habe. Im Studium beispielsweise wird unsere ‚fehlende Anwesenheit‘ mit unzähligen Hausaufgaben ausgeglichen. Zusammengenommen habe ich mindestens genauso viele (Online-)Meetings wie vorher, die ich in der Tendenz anstrengender finde als analoge Besprechungen und Seminare. Und das bis zu zehn Stunden am Tag. Statt ehrliche, menschliche Kontakte sehe ich immer wieder mein eigenes Gesicht in scheinbar endlosen Zoom-Calls. Mittlerweile verbindet mich eine ganz besondere Hass-Liebe mit meinem Laptop. Wie in einer Quarantäne-Liebesbeziehung wache ich neben ihm auf, verbringe den Tag mit ihm und schlafe neben ihm ein. Vorlesung, Meeting, Recherche, Netflix. Auch Freund*innen berichten, dass sie bei bei weniger Lohn unter einer gleichbleibenden oder höheren Arbeitsbelastung leiden.

Am Ende des Tages habe ich häufig den Eindruck, nichts geleistet zu haben und trotzdem erschöpft zu sein

Liegt mein Frust an mir und einem zu hohen Anspruch an mich selbst oder an unserer Erziehung?

Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem. Natürlich würde ich jetzt gerne einen sinnvollen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte leisten. Ich würde gerne Lösungen und Projekte präsentieren, die helfen, dass es auch 2021 noch Konzerte, Festivals, Clubs, Lesungen und weitere Kulturangebote gibt. Ich würde mir auch wünschen, mein Semester in Regelzeit mit Bestnoten abzuschließen. Das sind alles Dinge in meinem Kopf. Auf der anderen Seite wurde ich von dieser Gesellschaft darauf getrimmt, konstant Leistung zu erbringen. Dieser Leistungsdruck kommt nicht von irgendwo. Er ist anerzogen.

Eine Pause auf unbestimmte Zeit war für mich nicht vorgesehen und, dass sie jetzt vermeintlich da ist und ich diese Pause nicht durch extra Produktivität füllen kann, fällt mir nicht leicht zu akzeptieren.

Wenn ich am Ende nicht so erfolgreich und gestärkt durch diese Krise durchkomme, dann ist es angeblich mein eigenes Versagen. “Jede*r ist seines*ihres Glückes Schmied”, wie der Neoliberalismus säuselt. Produktiv ist dieser Frust natürlich nicht. Im schlimmsten Fall steuert er mich direkt in eine depressive Phase. Dabei geht es vermutlich sehr, sehr vielen Menschen so wie mir – oder schlimmer. Denn nicht nur Leistungsdruck belastet die psychische Gesundheit aktuell, sondern auch grundlegende Existenzängste und finanzielle Engpässe. Viele Kommiliton*innen wissen nicht, wie sie in den nächsten Monaten über die Runden kommen sollen und planen von Woche zu Woche. Vielen sind ihre Nebenjobs weggefallen und weitere schwarze Einnahmequellen. Der nun beschlossene zinsfreie Kredit zaubert da nur ein müdes Lächeln auf die Gesichter. Aber auch nach dem Studium sieht es aktuell nicht besonders prall aus: Einer meiner Lehrenden empfahl uns, wir sollten uns mit dem Uniabschluss doch ruhig noch mindestens ein Jahr länger Zeit lassen –  es warte ohnehin kein Job auf uns. 

Viele meiner Freund*innen sind in Kurzarbeit und wissen nicht, ob ihre Arbeitgeber*innen, Agenturen oder Projekte 2020 überleben. Besonders schlimm betrifft es die, die sich der Beihilfe zum Betrug schuldig machen, da sie trotz null Stunden Kurzarbeit, arbeiten müssen.

Gerade in der Festivalbranche, in der ich viel unterwegs bin, sind die bisherigen Hilfen ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ein Leben wie ‚vorher‘ wird es vermutlich nicht (so schnell) wieder geben. Es werden neue Formate entstehen und unzählige kleine bis mittelgroße Kulturschaffende werden Pleite gehen. Auch die großen Unternehmen wie beispielsweise CTS Eventim, sind zweifellos betroffen, haben allerdings durch ihren Börsenorientierung ganz andere Finanzierungsmöglichkeiten, um eine solche Krise zu überstehen. Die meisten Kulturschaffenden arbeiten jedoch unter prekären Arbeitsbedingungen. Unterm Strich bleibt da in der Regel nicht viel, um Rücklagen zu bilden.

Natürlich wird die Kreativität und die Kulturbranche nicht verschwinden. Doch sollten hier nicht langfristig gedachte Strukturhilfen kommen, befürchte ich eine weitere Monopolisierung und Kommerzialisierung von Kunst und Kultur. Am stärksten darunter leiden werden die ohnehin schon durch Gentrifizierung geschwächten Soziokultur-Standorte (Grüße gehen raus an die Potse, Liebig34 und die Griessmühle, um nur einige zu nennen), ehrenamtlich organisierte Strukturen, Freiräume und kritische Künstler*innen und Veranstalter*innen, die nicht ausschließlich nach kapitalistischen bzw. kommerziellen Logiken arbeiten. 

Möchte Deutschland sich weiterhin als Kulturland begreifen, dann ist es jetzt wichtig, diese Vielfalt aufrecht zu erhalten, über die Krise hinaus zu schützen und Strukturen zu etablieren.

Denn auch, wenn diese Krise irgendwann vorbei sein sollte, wird die nächste Krise kommen. 

Eine gute Inspiration könnte hier Frankreich sein: Das System ‚Intermittence Du Spectacle‘  soll Künstler*innen und Kulturdienstleister*innen in den Zeiten zwischen Aufträgen stützen. Sobald eine bestimmte Anzahl an Tagen im Jahr gearbeitet wurde und sie sich für das Programm qualifizieren, zahlt der Staat eine Grundsicherung, wenn das eigene Einkommen nicht ausreicht. Kein System ist perfekt, auch das französische Vorbild unterliegt immer wieder der Kritik, nicht umfangreich genug zu sein, und solche Programme kosten den Staat zweifelsohne viel Geld (mehr Informationen zu dem Thema findet ihr auf englisch hier oder auf deutsch zur aktuellen Situation Kulturschaffender in Frankreiche hier). Ein solches auf Dauerhaftigkeit angelegtes Grundeinkommen könnte jedoch helfen, eine stabile Mittelschicht innerhalb der Kulturbranche aufzubauen, die dann weniger anfällig für wirtschaftliche Schwankungen ist. Sollte Deutschland in Zukunft nicht nur als Land der Autolobby gelten wollen, wäre dies gut angelegtes Geld. Denn wenn eines meiner Meinung nach aktuell klar wird, dann ist es die Wichtigkeit von Kunst und Kultur. Die Menschen trauern wegen ausfallender Festivals und sehnen sich nach dem nächsten Clubbesuch. Zuhause verbringen sie ihre Zeit mit Musik, Büchern, Filmen. 

Kunst und Kultur ist kein Luxusgut, es ist schlicht lebensnotwendig.

Ich versuche nun trotzdem positiv zu bleiben, vieles anderes bleibt mir ja auch nicht übrig. Glücklicherweise bin ich privilegiert genug, um in einem Wohlfahrtsstaat zu leben. Glücklicherweise bin ich bislang noch gesund. Und glücklicherweise kann ich bisher meine Miete noch bezahlen. Gegen den Leistungsdruck und meine Depressionen versuche ich mich regelmäßig mit anderen Menschen auszutauschen und mir klar zu machen, dass ich nicht alleine bin mit meiner Überforderung und meinen Ängsten und meiner Ungewissheit. Das hilft. Solltest auch du diese Gedanken haben, sei dir gewiss, ich fühle mit dir! Und solltest auch du bei dem Gedanken schäumen, dass es zwar Abwrackprämien für Autos und Rettungsschirme für Banken gibt, aber nicht für die Kulturbranche, dann gibt es ja zum Glück noch Petitionen und Demonstrationen. 

2 Antworten auf „Die Corona-Pandemie ist für viele keine Chance, Corona ist vor allem ein Problem.“

Wow! Großartiger Text!

Danke für deine messerscharfe Argumentation sowie deine Offenheit ob deiner ganz persönlichen Situation. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute & viel Kraft und deinem Text eine riesige Reichweite, auf das er viele, viele Menschen erreicht & bestimmte Politiker*innen wachrüttelt.

Lass dich von diesem schneller-höher-weiter-besser-Social-Media nicht unterkriegen; ich bin mir sicher neben dir und mir gibt’s noch tausende weitere Menschen, die sich noch nicht „neu erfunden“ haben (und deshalb auch nichts oder zumindest weniger posten), weil der „neue normale Alltag“ anstrengend ist.

Von Herzen alles Gute!

Hallo Katha,

vielen Dank für dein Feedback und deine lieben Worte! Das ist wirklich sehr erbauend für uns und gibt uns Mut zum weiter machen.

Bleib Gesund und liebe Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.