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Wir Frauen kämpfen zurück – Der („Einzel“-)Fall Samra.

TW: In dem folgenden Artikel schreiben wir über sexuellen Missbrauch, Übergriffe, Machthierarchien und sexualisierte Gewalt. 

Wer in den letzten drei Tagen auf Instagram und Twitter unterwegs war und halbwegs in der HipHop- bzw. Musik-Bubble steckt hat es vermutlich schon mitbekommen: Nika Irani hat über ihren mittlerweile mehrfach gesperrten bzw. gelöschten Instagram Kanal @playgirlnikaaaaa Missbrauchs-Anschuldigungen gegenüber Samra veröffentlicht. Die mit einer Triggerwarnung versehenen Posts sind erschreckend anschaulich. Nika berichtet von dem ersten Treffen, wie Samra Vertrauen aufgebaut hat, wie es zu dem Übergriff kam, wie Nika sich gewehrt hat. 

Später teilt sie eine private Nachricht in ihrer Story, in der ihr eine andere Frau schreibt, dass sie das alles genau bildlich vor sich sehen könne, das Studio, das Bett. Auch weitere Frauen schreiben Nika und berichten von ähnlichen Erfahrungen mit Samra. 

Aus rechtlichen Gründen müssen wir an dieser Stelle betonen, dass es sich hierbei um Anschuldigungen handeln. Samra wurde bisher noch nicht gerichtlich verurteilt und Nika schreibt auch selbst, dass es nicht ihr Ziel ist, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Stattdessen schreibt sie:

“Ich möchte einfach nur dass diese Menschen zur gerechenschaft gezogen werden, damit sie merken die Era ist vorbei! Wir kämpfen jetzt zurück, ihr könnt nicht mehr mit Frauen umgehen wie ihr wollt.”

Vor Allem unter den ersten Posts waren die leider allzu bekannten Victim Blaming und Täter-Opfer-Umkehrungs-Sprüche zu lesen. Victim Blaming bzw. Täter-Opfer-Umkehr beschreibt dabei das Phänomen, dass der Fokus bzw. die Begründung für die Tat nicht beim Täter, sondern beim Opfer gesucht wird. Insbesondere bei sexualisierter Gewalt wird häufig die Unschuld der Opfer hinterfragt oder sogar die Schuld an der Tat suggeriert. Dieses Phänomen zeigt sich leider auch immer wieder in den Schlagzeilen bekannter Presseverlage. Wir möchten hier betonen, dass wir solidarisch an der Seite der Opfer stehen und deswegen etwaige Vorwürfe hier nicht reproduzieren werden, auch weil sie nicht relevant sind. Weder die vermeintlich schlecht gewählte Kleidung, noch die eigene Lohnarbeit oder andere Faktoren rechtfertigen jeweils Gewalt oder einen Übergriff. Nika hat nach eigenen Aussagen über 20 Mal Nein gesagt. Allein die Zustimmung oder Ablehnung kann jemals darüber entscheiden ob es sich um einvernehmlichen Sex handelt oder nicht.

Mittlerweile hat Nika jedoch auch einiges an Unterstützung erhalten. Von anderen Frauen, die ihr für ihren Mut danken, über Künstlerinnen wie Antje Schomaker und auch LEA, die in der Vergangenheit einen Song mit Samra released hat. Shirin David hat in ihrer Instagram Story sogar angekündigt ihren Single-Release zu verschieben um eine Line zu streichen, in der sie “den Künstler der aktuell unter diesen Vorwürfen steht (…) in einem positiven Zusammenhang erwähnt” hat. Ja, es gibt genug eigene Gründe Shirin David zu kritisieren, aber an dieser Stelle: Starke Story, klares Statement und vor allem eine klare Konsequenz! Auch die großen HipHop Magazine haben, nach einer 1 – 2 tägigen Reaktionszeit, mittlerweile berichtet. (P.S.: Seltsam, wenn es darum geht Gossip zu verbreiten oder gegen Rapperinnen zu schießen geht das irgendwie schneller.)

Diese klare Konsequenz, die Shirin David gezeigt hat, oder zumindest ein Statement lässt an anderer Stelle leider zu Wünschen übrig. Von Samra natürlich zum einen, unter seinen Posts wurde aktuell sogar die Kommentarfunktion ausgeschaltet, von Rapper-Kollegen zum anderen, aber vor allem von Label Seiten. Samras Label Universal Music hat 16 Bars gegenüber mitgeteilt, dass zu den aktuellen Vorwürfen kein Statement abgegeben wird

Nur: Kein Statement ist auch ein Statement. Nämlich dass die herrschenden Strukturen und Machthierarchien die sexualisierte Gewalt an Frauen befördern und Frauen objektivieren, weiterhin geschützt und gehalten werden, so lange sich damit ordentlich Geld verdienen lässt. Viva das Patriarchat und der Kapitalismus. 🤡 

[Anm der Redaktion: Während der Lektoratsschleife hat Universal Music Germany auf dem eigenen Instagram-Kanal folgendes “Statement” veröffentlicht: “Universal Music verurteilt auf das Schärfste jede Form von Gewalt. Wir stehen für eine offene, tolerante, vielfältige und friedliche Gesellschaft und begegnen allen Menschen ohne Vorurteile und mit Respekt”

Sorry, aber das ist zu wenig und zu spät. Universal hätte hier eine große, vermittelnde Rolle spielen können, Kontakt zu Nika aufnehmen können, öffentlich bekanntgeben können, den Vorfall untersuchen zu wollen, usw. Eine solch pauschale Aussage ohne Kontextualisierung wirkt unehrlich und faul. Insbesondere von einem Major Label wie Universal. Die Kommentarfunktion wurde unter dem Beitrag im Übrigen ausgeschaltet.]

Was bleibt ist die Fragen nach dem “Und jetzt?”. Wir wünschen in allererster Linie Nika alles Gute und dass sie einen guten Weg findet mit dem erlittenen Trauma umzugehen. Es erfordert viel Mut und Kraft mit solchen Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen. Davor haben wir großen Respekt. 

Es stellen sich aber auch wieder die großen strukturellen Fragen: Ist es 2021 noch zeitgemäß, die Kunst vom Künstler zu trennen, wenn bereits genannten Machtstrukturen durch die erlangte Reichweite, Ruhm und Erfolg solche Künstler:innen zu Übergriffen und sexualisierter Gewalt befähigen? Müssten Labels, Booking Agenturen und andere Gatekeeper:innen in der Industrie nicht von Anfang an, vielleicht sogar mit einer vertraglichen Moral Klausel, viel klarer machen, dass ein solches Verhalten nicht toleriert und vor allem nicht geschützt wird? Und vor allem, wie können wir weiterhin dazu beitragen, dass die Musikbranche ein weniger sexistischer und frauenfeindlicher Ort wird. Die vielen Unterstützer:innen unter Nika’s Posts zeigen, wir wären bereit dafür. 

Redaktionsschluss war der 17. Juni 2021 um 23:00.