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Blond im Interview über sexualisierte Gewalt und Machtstrukturen

Triggerwarnung: Im folgenden Artikel geht es um das Thema sexualisierte Gewalt und Sexismus. Beides kann traumatisierend oder retraumatisierend wirken.

Sexualisierte Gewalt ist für viele Menschen Alltag. Damit wir das strukturelle Problem irgendwann in den Griff bekommen, ist der erste Schritt vor allem erstmal darüber zu sprechen, aufmerksam und sichtbar zu machen. Die Chemnitzer Band Blond möchte mit ihrem neuen Song und einer gemeinschaftlichen Aktion mit KOSMOS Chemnitz und dem Wildwasser e.V. ihren Teil dazu beitragen. Die „Hütte der sexualisierten Gewalt“ setzt denjenigen ein Denkmal, die bereits von ihr betroffen waren und denjenigen ein Mahnmal, die sie schonmal ausgeübt haben. Außen eine Märchenhafte Hütte, eine metergroße Triggerwarnung. Innen befinden sich etwa 70 Berichte von Betroffenen.

Wir haben mit Blond über die Aktion gesprochen, darüber, warum auch in der Musikbranche immer noch sexualisierte Gewalt und Sexismus herrscht und welche Verantwortung jede:r einzelne von uns trägt, dem etwas entgegen zu setzen.

Hallo ihr drei! Könnt ihr zum Anfang ein bisschen was über den Hintergrund der Aktion erzählen? Wie seid ihr auf die Idee gekommen und was bedeutet sie für euch?
Nina: Zuerst war der Song da, den wir rausgebracht haben, Du und Ich. Da geht’s auch um sexualisierte Gewalt. Wir wollten das Thema aber noch über den Song hinaus weiter bearbeiten. Dann haben wir überlegt: Okay, wir könnten ja eine Kunstaktion machen. Wir kommen auch aus einem Kunst Kollektiv, wo wir quasi schon immer bildende Kunst gemacht haben. Wir wollten aber auf keinen Fall blauäugig an das Thema herangehen, weil wir einfach keine Expert:innen auf dem Gebiet sind und haben uns deswegen überlegt, dass wir mit lokalen Akteurinnen, wie dem Wildwasser e.V. und KOSMOS Chemnitz, zusammenarbeiten. Gemeinsam haben wir dann Erfahrungsberichte von Betroffenen sexualisierter Gewalt gesammelt und sie in der Hütte ihre Geschichte erzählen lassen.

Gibt es einen Grund, warum ihr die Ausstellung und den Track genau jetzt veröffentlicht?
Lotta: Wir schreiben ja prinzipiell Songs immer über Themen, die uns umgeben. Deshalb war es nicht so, dass wir dachten, dass das Thema jetzt wichtiger ist denn je, sondern es leider schon immer eine große Rolle in unserem Leben gespielt hat. Es ist einfach ein Thema, was wir eh früher oder später bearbeitet hätten. Und jetzt war es eben so weit. 
Nina: Je mehr man sich mit sowas auseinandersetzt, desto schneller erkennt man solche Situationen dann auch und merkt, das sexualisierte Gewalt und Sexismus überall im Alltag drinsteckt. Und irgendwann hat man es so satt, ist so wütend, dass man einen Song darüber schreibt.

Wie würdet ihr denn die aktuelle Situation, den Status Quo in der Musikbranche bewerten?
Nina: Also das ist auf jeden Fall sehr männlich dominiert. Das kann man aber auch, glaube ich, auf viele andere Bereiche übertragen. Journalismus ist weiß und männlich dominiert oder das Filmgeschäft, aber eben auch die Musikbranche. Und da würden wir uns natürlich auch wünschen, dass sich daran irgendwie mal was ändert, weil sich damit einhergehend vielleicht auch das Klima ändert. Dass solche Systeme, die ein bestimmtes Verhalten zulassen oder sogar entschuldigen, wegfallen, auch dadurch, dass einfach mehr Frauen da sind, oder eben nicht nur weiße Männer.
Wir waren neulich eingeladen bei FEMTASTIQUE in Ulm. Die Veranstaltung war hinter den Kulissen komplett von Frauen betrieben – eine Lichttechnikerin, eine Tontechnikerin und so weiter. Und man hat es so gemerkt.
Lotta: Der Umgangston war ein anderer, das Arbeiten war ein anderes, das Resultat war genauso gut. Man hat sich übelst wohlgefühlt und gemerkt: Genauso könnte es sein, wenn die Branche nicht so männlich weiß dominiert wäre.
Nina: Deshalb auch die Quote auf Festivals, zum Beispiel. Das finden wir cool. Da gibt es ja auch die Keychange Initiative, bei der man sich als Festival bereit erklären kann, es zu probieren. Und da geht’s auch nicht darum, die Leute an den Pranger zu stellen, die das nicht geschafft haben, sondern es geht einfach darum, dass sich die Festivals darüber bewusst sind. 

Achtet ihr denn auch in eurem eigenen Team darauf, mit wem ihr zusammenarbeitet und wie divers eure Crew ist?
Nina: Wir kennen uns alle schon, seitdem wir Kinder sind und sind miteinander gewachsen. Da sind wir auch viel zu wenig Frauen, wenn man es mal genau nimmt.
Lotta: Auf der Bühne ist die Verteilung aber recht gut, weil wir zum Beispiel einen dreiköpfigen Chor haben.
Nina: Ja, also es ist nicht ideal, aber wir versuchen uns da gegenseitig zu pushen. Zwei der Mädels aus dem Chor spielen noch in einer andern Band, bei Power Plush, und die versuchen wir dann zum Beispiel bei uns mit als Vorband auf Tour zu nehmen.
Lotta: Weil die einfach extrem gute Musik machen. Aber bei großen Bands herrschen da auch nochmal andere Strukturen. Die haben mehr Möglichkeiten, beispielsweise bei der Suche nach Tontechnikerinnen. Als kleinere Band ist man dann eher darauf angewiesen Personen zu nehmen, die man kennt, die es für weniger Geld machen. Bei unserer letzten Tour war das Geschlechterverhältnis aber auch sehr ausgeglichen. Wir geben uns da schon Mühe.

Ihr habt ja selber schon beschrieben, dass es nicht nur um die ganz krassen Fälle geht, sondern auch beispielsweise um einen Schlag auf den Hintern. Trefft ihr da bei euch selbst oder auf Tour auch Vorkehrungen um euch und das Publikum zu schützen?
Nina: Man hofft natürlich immer, dass Security und Co. in den Locations dahingehend sensibilisiert sind. Dass man da als Frau hingehen kann oder als Person, der gerade an den Arsch gefasst wurde, und man damit ernst genommen und einem geholfen wird.
Lotta: Das sind aber ja meistens Dinge, die erst stattfinden, nachdem irgendwas passiert ist. Was dann schwieriger wird, ist eine Antwort darauf zu finden, wie man sowas verhindern kann. Das Problem ist ja so groß, dass man als Betroffene da nicht wirklich etwas im eigenen Verhalten ändern kann, damit solche Übergriffe nicht mehr passieren. Nie kann man sich danach erklären, warum was wie passiert ist. Und das ist eigentlich das Traurige daran, dass man gar keine Vorkehrungen treffen kann.
Nina: Es ist ja auch nicht immer nur der eklige, fremde Mann in der Ecke. Es können auch Leute sein, die man kennt, jemand im Backstage. Man schaut natürlich im eigenen Team, dass sowas null geduldet wird.
Lotta: Und dass das Thema jetzt einfach mehr Aufmerksamkeit bekommt und gerade kleine Jungs so erzogen werden, dass sie einfach anders drauf sind.

Habt ihr da für euch im Team bestimmte Aspekte festgelegt, die euch in der Zusammenarbeit wichtig sind?
Nina: Wir haben wirklich übelstes Glück mit unserem Team. Das sind Leute, die alle raffen, was für Werte wir als Band vertreten.
Lotta: Anders ist es, wenn wir Anfragen von gewissen Plattformen bekommen. Da sagen wir dann auch einfach ab, weil wir gewisse Personen nicht unterstützen wollen. Irgendwelche Leute, wo wir in die Show eingeladen werden, oder so.
Nina: Letzten Sommer war zum Beispiel eine Stagehand auf einem Festival, die sich komplett daneben benommen hat. Da haben wir uns beschwert und die Person arbeitet dort jetzt auch nicht mehr.
Lotta: Wir haben mittlerweile zum Glück auch Strukturen, wo wir sowas sagen können. Als wir noch kleiner waren – da fragt man sich dann schon eher, was passiert, wenn man sich bei dem Veranstalter beschwert. Ob der uns dann nochmal bucht? Das ist natürlich total ekelhaft. Machtstukturen in a nutshell.

Wir wünschen uns natürlich mit Blick auf die Zukunft, dass es da eine Handlungsveränderung gibt. Und das erfordert auch die Mithilfe von Männern. Wie könnte so eine Unterstützung denn zum Beispiel aussehen?
Johann: Wir hoffen natürlich, dass sich auch viele Männer diese Ausstellung hier anschauen und durchlesen werden und dann vielleicht einmal reflektieren, ob sie nicht selber schon mal Täter waren oder Täter kennen – darüber dann auch mit Kumpels sprechen. Es muss auch unter Männern einfach ein Thema werden, worüber geredet wird, worüber man sich bewusster werden sollte.
Lotta: Genau was Johann sagt. Darüber reden, reflektieren und vor allem Menschen zuhören, die etwas erzählen.
Nina: Glaubt einfach den Betroffenen! Weil sonst hören Leute auf sich zu öffnen.

Die „Hütte der sexualisierten Gewalt“ ist noch bis zum 8. August, täglich von 16-19 Uhr geöffnet. Sie steht auf dem Düsseldorfer Platz in der Chemnitzer Innenstadt.